D.3. ANASTASIS ZU UR-VERTRAUENDER  SPANNKRAFT

 

 

"Wenn wir sehr wenig angenehme Tätigkeiten ausführen, dann fühlen wir uns depressiv. sind wir aber erst einmal depressiv, dann möchten wir auch nicht mehr an jenen Tätigkeiten teilnehmen, die uns Freude und Befriedigung vermitteln können.

Dies sind einfache oder doch sehr wichtige Tatsachen, die aber gerade wegen ihrer Einfachheit oft nicht nachdrücklich genug hervorgehoben werden.

Wissenschaftler waren seit eh und je von der Verknüpfung Ursache-Wirkung fasziniert. Bewirkt eine niedrige Zahl angenehmer Tätigkeiten bei uns depressive Gefühle, oder bewirken depressive Gefühle, dass wir wenig unternehmen ? Das Ganze ist also eine Art Teufelskreis: Je weniger wir tun, desto depressiver fühlen wir uns; je depressiver wir uns aber fühlen, umso weniger möchten wir tun." (Lewinsohn Peter M.,/Munoz Ricardo F.,/Youngren Mary Ann/Zeiss Antonette M., Der Weg zum seelischen Gleichgewicht. Depressionen erkennen, überwinden, vermeiden. Das erfolgreiche Selbsthilfe-Programm, Otto Müller Vlg. Salzburg 1982, 104)

 

WAS aber LÄSST AUS diesem Teufelskreis der DEPRESSION  AUFERSTEHEN ?

"Die Tatsache , dass zwischen der Anzahl unserer angenehmen Tätigkeiten und unserer Stimmung eine Beziehung existiert, gibt uns ein mögliches "Werkzeug" zur Behandlung der Depression an die Hand. Durch die Steigerung angenehmer Erfahrungen können wir unseren Gefühlszustand selbst verbessern. Auf ähnliche Weise können wir es auch vermeiden, depressiv zu werden, indem wir ein vernünftiges Maß an angenehmer Aktivität aufrechterhalten. Mit anderen Worten: Statt von der Depression beherrscht zu werden, beherrschen wir sie selbst. (Lewinsohn Peter M.,/Munoz Ricardo F.,/Youngren Mary Ann/Zeiss Antonette M., Der Weg zum seelischen Gleichgewicht. Depressionen erkennen, überwinden, vermeiden. Das erfolgreiche Selbsthilfe-Programm, Otto Müller Vlg. Salzburg 1982, 104)

Ein 'tolles' Programm: allerdings nicht leicht umzusetzen. Denn: was lässt vom von Depression Beherrscht-Werden zum Beherrschen kommen ?

? WAS LÄSST -THEOLOGISCH FORMULIERT- SICH EREIGNEN

 

 

Nimmt man für die Antwort die hormonelle Ebene in den Blick, näherhin das im Depressions-Geschehen eine Rolle spielende Dopamin, so zeigt dessen Charakteristik als

  • als Glückshormon, das kurzfristig bei unerwarteten subjektiv positiven Erlebnissen ausgeschüttet wird und so für einen Belohnungseffekt sorgt, dass man im Ausstieg aus der Depression von von außen kommenden Glückserlebnissen  abhängig ist ...
  • Sieht man allerdings, dass Dopamin -dessen psychotrope Bedeutung hauptsächlich im Bereich der Antriebssteigerung und Motivation vermutet wird-  ausgeschüttet wird, wenn zum Beispiel lang angestrebte Ziele erreicht werden und ein Verlangen oder die unmittelbare Aussicht auf Belohnung zu einer Handlung motivieren, so kommen die eigenen Möglichkeiten in den Blick.

AUFERSTEHUNG/ANASTASIS VON DEPRESSION BRAUCHT ALSO  BEIDES: DIE VON AUSSEN KOMMENDE BEGLÜCKUNG ALS AUCH DIE INNERE ORIENTIERUNG AUF EIN BEGEHRENSWERTES ZIEL BZW. ZUSTAND.

 

Von daher ist verständlich, dass Lewinsohn Peter M.,/Munoz Ricardo F.,/Youngren Mary Ann/Zeiss Antonette M., die stimmungsbezogenen Tätigkeiten, denen in Bezug auf Depression besondere Bedeutung zukommt, charakterisieren (105-106) als

"1. Soziale Interaktionen, bei denen sich die betreffende Person erwünscht, geliebt, geachtet. geschätzt, verstanden und akzeptiert fühlt (zum Beispiel: Zusammensein mit fröhlichen Menschen, Anteilnahme anderer an Ihren Ausführungen, Nachdenken über von Ihnen geschätzte Menschen, Zusammensein mit Freunden).

2. Tätigkeiten, die mit Gefühlen der Gleichheit, Kompetenz und Unabhängigkeit verbunden sind (z.B. Durchführung einer Aufgabe nach eigenem Gutdünken, Planung oder Organisation einer Sache, gute Ausführung einer Aufgabe, Erlernen einer neuen Fertigkeit)."

[Die von ihnen als dritte Kategorie genannten "Tätigkeiten, die 'per se' angenehm sind", sind allerdings keine Tätigkeiten (so z.B. "lachen, entspannt sein, gut essen, ... Ruhe und Frieden finden, nachts tief und fest schlafen), sondern Existenzialien (sie werden im Abschn. D.2. behandelt]

Es braucht also wohl beides: die Selbst-Bemühung und das Zufalls-Glück.

Vielleicht lassen sich diese Beiden konkretisieren im Begriff des 'Urvertrauens': es  entwickelt sich sowohl im Ansatz Eriksons als auch Claessens' im sehr frühen Kindesalter durch die verlässliche, durchgehaltene, liebende und sorgende Zuwendung von Dauerpflegepersonen (zumeist den Eltern). Es verschafft die innere emotionale Sicherheit, die später zu einem Vertrauen in seine Umgebung und zu Kontakten mit anderen Menschen überhaupt erst befähigt. Urvertrauen ermöglicht angstarme Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt.

Es ist also die Grundlage für:

Vertrauen auf sich selbst, Selbstwertgefühl, Liebesfähigkeit („Ich bin es wert, geliebt zu werden.“ „Ich fühle mich geborgen.“),

Vertrauen in andere, in Partnerschaft, Gemeinschaft („Ich vertraue Dir.“ „Wir lieben uns.“, „Ich weiß mich verstanden und angenommen.“) und

Vertrauen in das Ganze, in die Welt („Es lohnt sich zu leben.“)

(Vgl. Art. Urvertrauen, wikipedia Abfr. 27.11.2020)